Der Kampf um Netzwerkzentralität
Konflikt und Kooperation im Zweiten Kalten Krieg
POLITIKUM: Vor einiger Zeit haben Sie zusammen mit Kollegen das Second Cold War Observatory gegründet. Können Sie uns erläutern, was die Idee des Observatory war und wie es funktioniert?
Schindler: Ich habe das Observatory vor etwa fünf Jahren zusammen mit Kollegen gegründet, zu einer Zeit, als darüber diskutiert wurde, ob die Rivalität zwischen den USA und China als neuer Kalter Krieg zu begreifen ist. Im Unterschied zu den Protagonisten dieser Debatte, die dem US-amerikanischen Sicherheits- und Verteidigungsestablishment nahestanden, darunter Persönlichkeiten wie Henry Kissinger und Joseph Nye, nehmen meine Kollegen und ich den übergreifenden historischen Bogen in den Blick, der den Ersten und Zweiten Kalten Krieg verbindet. Gleichzeitig thematisieren wir auch die Unterschiede. Die USA wurden nach dem Ersten Weltkrieg zu einer widerwilligen Supermacht und nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer selbstbewussteren Macht mit dem Ziel, eine internationale Ordnung zu etablieren. Dieses Ziel wurde von der UdSSR und später von China, und wird heute erneut von China und nun auch von Russland in Frage gestellt.
Wissenschaftler, die dem US-Establishment nahestehen, lehnen die Idee eines Zweiten Kalten Krieges ab, weil dies implizieren würde, dass die USA den Ersten Kalten Krieg nicht so eindeutig gewonnen haben, wie sie gerne glauben möchten. Wir vom Second Cold War Observatory betrachten diesen epischen Konflikt jedoch als den ersten einer Reihe, und der Zweite Kalte Krieg wird für beide Seiten weitaus schwieriger zu gewinnen sein. Wir sind ein Netzwerk von Wissenschaftlern, die verstehen wollen, wie der Zweite Kalte Krieg mit der regionalen Politik zusammenhängt und wie er sich weltweit manifestiert, indem er Menschen, Städte, das tägliche Leben und eine Vielzahl anderer Dinge und Bereiche beeinflusst.
POLITIKUM: Welche Differenzen zum Ersten Kalten Krieg sind aus Ihrer Sicht besonders wichtig, um die heutige globale Konstellation analytisch zu erfassen?
Schindler: Einer der wichtigsten Unterschiede ist, dass es nicht um weltanschauliche Fragen geht. Die Biden-Regierung hat zwar versucht, dem Ganzen mit der Diskussion über Demokratien und Autokratien einen ideologischen Anstrich zu geben, aber dies war wenig überzeugend, auch weil die USA sich mit vielen Autokraten gut gestellt haben. So wurde diese Idee stillschweigend aufgegeben.
Wenn es also nicht die Ideologie ist, was treibt dann den Zweiten Kalten Krieg an? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir den Kontext berücksichtigen, in dem der Erste und der Zweite Kalte Krieg begannen.
Als der Erste Kalte Krieg begann, hatten die Großmächte ein Maß an territorialer Kontrolle über die Welt, das heute undenkbar ist. Ein Großteil der Welt war noch kolonialisiert, und die Alliierten einigten sich am Ende des Zweiten Weltkriegs auf der Konferenz von Jalta darauf, Einflusssphären zu errichten. Diese Einflusssphären wurden wenige Jahre später zu territorialen Blöcken. Winston Churchill beschrieb dies als die Bildung eines „eisernen Vorhangs“ zwischen den Einflusssphären. Die nächsten vier Jahrzehnte waren im Wesentlichen eine ausgedehnte Neuverhandlung der in Jalta getroffenen Vereinbarungen, wobei die USA versuchten, den Kommunismus einzudämmen, und die Sowjetunion Angst vor dem hatte, was sie als „kapitalistische Einkreisung“ bezeichnete.
Im Gegensatz dazu begann der Zweite Kalte Krieg im Kontext der Globalisierung. Staaten und Gesellschaften waren in einem integrierten Weltmarkt miteinander verbunden. Das ist ein grundlegender Unterschied. Die USA und China konkurrieren darum, die Regeln der Globalisierung neu zu verhandeln. Mit anderen Worten: Wenn der Erste Kalte Krieg eine Neuverhandlung der Vereinbarung von Jalta war, dann ist der Zweite Kalte Krieg eine Neuverhandlung der Vereinbarungen, die der Globalisierung zugrunde liegen. Anstatt also Territorium zu sichern geht es darum, eine zentrale Stellung in den transnationalen Netzwerken zu erlangen, die die Globalisierung abstützen.
Die wichtigsten Netzwerke, die dem Wettbewerb unterliegen, sind technologisch entwickelte Produktionsnetze, beispielsweise Halbleiter, Finanzbeziehungen, digitale Netze, einschließlich Hardware und Software sowie Infrastrukturen. Diese bilden das Gerüst, das die anderen Netze stützt und miteinander verbindet, etwa durch die Verbindung von Lagerstätten kritischer Mineralien mit Halbleiterfabriken und Rechenzentren oder Untersee-Internetkabel.
Die Kontrolle über diese Netzwerke verschafft einem mächtigen Akteur enorme Macht. Er kann bestimmen, wie und von wem sie genutzt werden. Er kann einen bedingten Zugang gewähren und Gegnern den Zugang verweigern oder Netzwerke als Waffen einsetzen. Allerdings können weder die USA noch China diese Netzwerke einfach per Dekret gestalten, da ihre genaue Struktur das Ergebnis der Beziehungen zwischen einer Vielzahl von Akteuren ist, darunter andere Regierungen und Unternehmen des privaten Sektors.
Wollen wir den Zweiten Kalten Krieg verstehen, müssen wir uns auf die Struktur geostrategischer transnationaler Netzwerke konzentrieren, darauf, wie sich ihre Geografie verändert, wer die Regeln aufstellt und durchsetzt und wer die Engpässe kontrolliert. Und das unterscheidet sich natürlich sehr vom Ersten Kalten Krieg.
Im Ersten Kalten Krieg ging es vornehmlich um die Kontrolle von Territorien, die sich als Nullsummenspiel darstellte. Einzelne Länder konnten nach einem Staatsstreich oder einer Revolution die Seiten wechseln. Nun geht es um die Kontrolle über Netzwerke, und das Ziel besteht darin, Zentralität in den Netzwerken zu erlangen. Aber in anderer Hinsicht bestehen Ähnlichkeiten fort. Letztlich geht es immer noch um einen Machtkampf zwischen Großmächten und darum, wer die Regeln festlegen kann, vor allem in Bezug auf die Globalisierung.
POLITIKUM: Die Zentralität in globalen Netzwerken steht also im Zentrum des Zweiten Kalten Krieges. Aber spielt Geopolitik nicht immer noch eine Rolle? Wie wirken Geoökonomie und Geopolitik heute zusammen?
Schindler: Wir haben uns nach dem Kalten Krieg daran gewöhnt, Geopolitik und Geoökonomie als getrennte Bereiche zu betrachten. Als einzige Supermacht konnten die USA ihre Macht zumeist über wirtschaftliche Netzwerke ausüben. Die meisten Länder widerstanden der Versuchung, ihren Nachbarn Territorium abzunehmen, da dies zu massiven Kapitalabflüssen und Sanktionen geführt hätte. Krieg lohnte sich in den meisten Fällen einfach nicht.
Allerdings blieben viele Menschen an Orten außerhalb der vernetzten Weltwirtschaft.
Für Washington stellten sie eine Bedrohung dar, weil sie nicht durch Finanznetzwerke, Investoren und Anleiheinvestoren diszipliniert werden konnten. Um diese Gefahr zu verringern, setzten die USA in den 1990er und 2000er Jahren darauf, die wirtschaftliche Integration zu vertiefen und multilaterale Institutionen zu stärken. Es ging darum, Netzwerke auszubauen und diejenigen Gesellschaften einzubinden, die außerhalb standen. Dies geschah gelegentlich mit Gewalt. Der Irak ist das beste Beispiel für ein Land, das gewaltsam in die Weltwirtschaft integriert wurde.
Heute ist Geopolitik kein Mittel mehr, um Länder zu einer tieferen Integration in die Weltwirtschaft zu zwingen. Die USA haben sich von der Vorstellung verabschiedet, durch eine Vertiefung der wirtschaftlichen Beziehungen mit China und Russland die eigene Machtposition zu stärken. Stattdessen versuchen sie, strategische Sektoren durch Entkopplung oder De-Risking zu schützen. Hierbei geht es nicht um eine vollständige Entkopplung der Volkswirtschaften. Vielmehr konzentriert man sich auf bestimmte Sektoren, die als strategisch und für die nationale Sicherheit als wesentlich erachtet werden. Die Biden-Regierung bezeichnete dies als „kleinen Garten mit hohem Zaun“, wobei die USA ihre massive Finanzmacht einsetzen. So hat der Staat gerade einen Anteil von 10 % an Intel übernommen und beschränkt die Art von Halbleitern, die Nvidia an chinesische Kunden verkaufen darf.
Die Rolle der US-Regierung als Regulierungsbehörde und sogar als Marktteilnehmer hat nach der Finanzkrise von 2008 erheblich zugenommen. Zunächst bestand das Ziel darin, die wirtschaftliche Stabilität zu fördern und die Liquidität aufrechtzuerhalten. Inzwischen werden geostrategische Ziele verfolgt, es geht um die Kontrolle über transnationale Netzwerke. Hierbei verschwimmt die Grenze zwischen Geoökonomie und Geopolitik zunehmend. Der Wettbewerb um die Kontrolle transnationaler Netzwerke ist, obwohl prägend, nicht nur geoökonomischer Natur. Schließlich investieren die USA wie auch China in militärische Kapazitäten, die sie in einem zukünftigen Konflikt gegeneinander nutzen können.
Ein potenzieller Konfliktpunkt ist Taiwan. Sollte es zu einem Krieg im Pazifik kommen, dürfte dieser kaum an den Zweiten Weltkrieg erinnern und über weite Ozeane und abgelegene Inselgruppen hinweg geführt werden. Vielmehr würden beide Seiten, jenseits militärischer Ziele, auch kinetische Energie einsetzen, um Netzwerke zu zerstören oder die Kontrolle über sie zu erlangen. Sie würden hierbei aber nicht mit geoökonomischen Mitteln vorgehen, sondern kritische Infrastrukturen wie Untersee-Internetkabel direkt angreifen oder versuchen, die Kontrolle über wichtige Ressourcen wie kritische Mineralien zu erlangen.
Derartige Überlegungen zu einem möglichen Krieg sind freilich spekulativ. Sicher ist nur, dass Konflikte im Kontext der Globalisierung heute in Netzwerken ausgefochten werden. Wie der Erste Kalte Krieg kann auch der Zweite Kalte Krieg Jahrzehnte andauern. Die USA genießen einen Vorteil in den Finanznetzwerken. China dominiert die Infrastrukturnetzwerke. Sowohl die digitalen als auch die Produktionsnetze bleiben umkämpft. Was also ihre Netzwerkpositionen angeht, erwarte ich kurzfristig keine radikale Wende zum Besseren für die USA oder China.
POLITIKUM: Die Rede von der geoökonomischen Konkurrenz weist darauf hin, dass die Globalisierung verstärkt politisiert wird. Läuft dies auf ein Ende oder einen Rückbau der Globalisierung hinaus, oder ändern sich nur ihre Verlaufsformen?
Schindler: Die Globalisierung wird nicht zu Ende gehen. Dies würde das Ende des integrierten Weltmarktes und die Rückkehr zu einer Ära bedeuten, in der jeder Nationalstaat oder regionale Blöcke von Nationalstaaten halbautarke Märkte bilden. Dies ist unwahrscheinlich. Viele Staaten und Unternehmen profitieren enorm davon, dass sie tief in den globalen Weltmarkt oder untereinander integriert sind. Die Geografie der Weltwirtschaft wird sich jedoch sicherlich verändern. Sowohl die USA als auch China versuchen derzeit, inländische Unternehmen zu mobilisieren, um ihre geostrategischen Ziele zu unterstützen und die Kontrolle über transnationale Netzwerke zu verstärken. Zu diesem Zweck schaffen sie eine neue Anreizstruktur für Unternehmen.
Die Zukunft der Globalisierung hängt also in hohem Maße davon ab, wie multinationale Unternehmen auf diese neue Anreizstruktur reagieren.
In vielerlei Hinsicht erinnert dies an die Globalisierung in den 1990er Jahren, als Regierungen eine neue Anreizstruktur für Unternehmen schufen, um globale Produktionsnetzwerke aufzubauen. Mit anderen Worten: Die US-Regierung hat US-Unternehmen und multinationalen Konzernen mit Sitz in den USA nie vorgeschrieben, ihre Produktion nach China zu verlagern. Vielmehr schuf sie Anreize, die dies unter geschäftlichen Aspekten für Unternehmen sinnvoll machten. Jetzt werden Unternehmen dazu angeregt, die geostrategischen Ziele von Washington und Peking zu unterstützen. Dies beeinflusst erneut ihre Geschäftsstrategie, wie wir anhand ihrer Standortentscheidungen und der Geografie ihrer Investitionsausgaben erkennen können.
POLITIKUM: Die Geoökonomisierung der Weltwirtschaft vollzieht sich – wie von Ihnen angesprochen – unter Beteiligung der Privatwirtschaft. Welche Rolle kommt ihr genau zu?
Schindler: Alle Unternehmen müssen auf geoökonomische und geopolitische Risiken reagieren. Kein Unternehmen kann diese ignorieren. Unter dem Aspekt des De-Risking müssen sie neue Strategien für Lieferketten, Standorte und Investitionen entwickeln. Einige Unternehmen machen sich die geostrategischen Ziele von Staaten zu eigen. In den USA ist Intel das beste Beispiel dafür. Intel hat die Chip-Revolution verpasst. Daher hofft die Unternehmensleitung, dass der Chips Act den Weg zurück an die Spitze der Produktion ebnet: durch Subventionen und Lieferverträge für den US-Verteidigungssektor. Das Unternehmen will hierdurch in Forschung und Entwicklung investieren und gegenüber Konkurrenten – insbesondere im Bereich der Chipherstellung für KI, etwa Nvidia – Boden gut machen.
Die Subventionen folgen einer strategischen Logik. Intel hat kürzlich Anteile an die US-Regierung abgetreten und passt sich den geostrategischen Prioritäten der USA an. Doch trotz massiver Subventionen hat Intel immer noch zu kämpfen. Maßgeblich, aber offen bleibt, wie viel Unterstützung das Unternehmen auch zukünftig von Washington erhält; und wie viel Kontrolle es für diese Unterstützung an die US-Regierung abtreten wird.
Andere Unternehmen verfolgen die gegenteilige Strategie und versuchen, sich aus geopolitischen Rivalitäten herauszuhalten. Apple ist hier ein gutes Beispiel. Das Unternehmen befand sich im Kontext der Globalisierung auf Erfolgskurs. Nun stellt der Zweite Kalte Krieg eine große Bedrohung dar. Bislang blieb das Unternehmen in den USA und China aktiv und versuchte, sich nicht in die Rivalität zwischen den USA und China hineinziehen zu lassen. Allerdings reduzierte es sein Anlagevermögen in China und ermutigte seine Hauptlieferanten, ihre Produktion nach Indien und Vietnam zu verlagern.
Kürzlich kritisierte Trump Apple dafür, dass es seine Produktion nicht in die USA verlagert habe, woraufhin Tim Cook, CEO von Apple, einwilligte, in den kommenden Jahren rund 600 Milliarden Dollar in den USA zu investieren.
Den Unternehmen geht es allgemein darum, ihre geoökonomischen und geopolitischen Risiken zu reduzieren. Noch ist aber unklar, ob die beste Strategie darin besteht, sich auf den Zweiten Kalten Krieg einzulassen, oder zu versuchen sich herauszuhalten. Die meisten Unternehmen verfolgen eine der skizzierten Strategien oder eine Kombination daraus. Sollten mehr Unternehmen eine Strategie wie Intel verfolgen, würde dies die Fragmentierung der Weltwirtschaft beschleunigen. Sollten sich die Unternehmen jedoch vornehmlich an Apple orientieren, werden wir wahrscheinlich eine veränderte Geografie der Weltwirtschaft erleben, da Unternehmen nach neuen Lieferanten und neuen Produktionsstandorten suchen.
Einige Länder, die Chinas dichte Lieferantennetzwerke mit amerikanischen Verbrauchern verbinden, haben bereits enorme Investitionen, ausländische Direktinvestitionen, von Unternehmen angezogen: etwa Mexiko, Vietnam und Ungarn. Ich gehe davon aus, dass der globale Handel in den kommenden Jahren nicht wesentlich zurückgehen wird, sich die Geografie der Weltwirtschaft aber dramatisch verändert.
POLITIKUM: Die USA und China haben bei der Kontrolle transnationaler Netzwerke und im Kampf um technologische Führerschaft zumeist die Nase vorn. Die Europäische Union hängt zurück. Hat sie realistische Chancen, eine wichtige und eigenständige Rolle in der geoökonomischen Konkurrenz zu spielen?
Schindler: Die EU ist zweifellos eine regionale Macht in Finanznetzwerken und steht in einigen Produktionsnetzwerken an der Spitze der Technologie. Aber ihr fällt es schwer, eine unabhängige Rolle im geoökonomischen Wettbewerb zu spielen. Das große Problem besteht darin, dass die Europäische Union sicherheitspolitisch nach wie vor von den USA abhängig ist. Da sie einer realen Sicherheitsbedrohung durch Russland ausgesetzt ist, kann sie es sich nicht leisten, die USA zu verprellen. Dies erklärt, warum die europäischen Staats- und Regierungschefs in den jüngsten Handelsgesprächen den USA viele Zugeständnisse gemacht haben.
POLITIKUM: Sie betrachten die EU also nach wie vor als Teil des transatlantischen Machtblocks und in einer untergeordneten Position gegenüber den USA?
Schindler: Ja, vorerst schon. Die EU wird keine Politik umsetzen, die die Position der USA in transnationalen Netzwerken radikal untergräbt, da dies die Sicherheitsvereinbarungen mit der Trump-Regierung gefährdet. Die Dinge können sich ändern. Es könnte sein, dass der Krieg in der Ukraine endet und alle übereinstimmen, dass Russland weniger bedrohlich ist. Dann könnte die EU eine selbstbewusstere, unabhängigere Politik verfolgen, um sich eine gewisse Netzzentralität zu sichern.
POLITIKUM: Wie sind die Länder des Globalen Südens in der Konstellation des Zweiten Kalten Kriegs zu verorten?
Schindler: Von vielen Staats- und Regierungschefs dieser und anderer Länder hören wir immer wieder, dass sie nicht gezwungen werden wollen, sich zwischen den USA und China zu entscheiden. Allein die Tatsache, dass sie diese Haltung formulieren, zeigt, dass sie unter Druck stehen, eine Seite zu wählen. Das unterscheidet sich stark von der Blockfreiheit in der Zeit des Ersten Kalten Krieges. Die Bewegung der Blockfreien Staaten trat erstmals 1955 in Bandung zusammen. In seiner Eröffnungsrede sagte der indonesische Präsident Sukarno, dass die Länder des blockfreien Lagers die Supermächte auf Distanz halten sollten. Der Grund war ein doppelter: Zum einen befürchtete er, dass die frisch dekolonisierten, gerade unabhängig gewordenen Staaten Gefahr liefen, in Abhängigkeit von einer der beiden Supermächte zu geraten. Zum anderen erwartete er von ihnen, im Atomzeitalter verantwortungsvoll den Weltfrieden zu bewahren.
Dies unterscheidet sich grundlegend von dem, was Staaten oder deren Führungen heute meinen, wenn sie betonen: „Zwingt uns nicht zur Entscheidung.“ Sie sehen sich in vielerlei Hinsicht – wirtschaftlich, kulturell, politisch – sowohl mit den USA als auch mit China eng verbunden und wollen sich nicht abkoppeln. Sie können es sich nicht leisten, sich von der einen oder der anderen Seite loszulösen; zumal die Verbindungen nicht nur zwischen Regierungen bestehen, sondern auch von Unternehmen getragen werden. Im Second Cold War Observatory haben wir dies als „Poly-Alignment“ (Mehrfach-Anbindung) bezeichnet.
Die Länder wollen mehr Verbindungen, mehr Handel, mehr Investitionen, mehr Hilfe, einfach mehr von allem. Dies lässt sich so interpretieren, dass Staaten die Errungenschaften und Verflechtungen, die sie in der Phase der Globalisierung aufgebaut haben, bewahren wollen – während die USA und China gerade versuchen, die Regeln der Globalisierung neu auszuhandeln.
Manche Länder streben danach, zu einem „Connector Country“ (Brücken- oder Vernetzungsland) zu werden und die dichten Zuliefernetzwerke und Produzenten in China mit den amerikanischen Märkten zu verbinden. Länder, denen dies gelungen ist, verdanken ihren Erfolg in hohem Maße ihrer Geografie. So kann man in Vietnam produzieren, bewegt sich zugleich aber in unmittelbarer Nähe zu den hochentwickelten Zuliefernetzwerken in China. Oder Mexiko: Dort kann produziert werden, und die Waren lassen sich direkt über die Grenze transportieren. Asien ist in dieser Hinsicht besonders, weil es geografisch so nah an China liegt. Einige erwarten, dass sich asiatische Länder durch den Aufstieg Chinas bedroht fühlen und Schritte unternehmen, um China und die USA gegeneinander auszubalancieren. In Wirklichkeit ist dies jedoch nicht geschehen. Die meisten asiatischen Staaten beharren weiterhin darauf, sich nicht für eine Seite entscheiden zu müssen.
POLITIKUM: Wie schätzen Sie das Eskalationspotenzial ein, das der geoökonomischen Konkurrenz eingeschrieben ist? Welche Möglichkeiten gibt es, die Gefahren einer militärischen Eskalation zu mindern?
Schindler: Das Risiko eines militärischen Konflikts ist zweifellos real. Russlands Invasion in die Ukraine zeigt, dass es sich nicht um ein fernes Zukunftsszenario handelt – es geschieht bereits, und die Gefahr einer Eskalation ist offensichtlich. Es besteht das Risiko, dass die Europäische Union oder die NATO oder mehrere Staaten hineingezogen werden. Im Pazifik ist Taiwan der naheliegendste Krisenherd. Aber es ist unmöglich vorherzusagen, was geschehen wird. Viel hängt davon ab, ob China die Wiedervereinigung mit Gewalt erzwingt und, falls ja, wie die taiwanische Gesellschaft und die Nachbarländer darauf reagieren. Es geht nicht nur um einen Konflikt zwischen den USA und China.
Anlass zu Optimismus gibt es insofern, als die Staaten heute keine Stellvertreter der USA oder Chinas sind, wie sie es während des Ersten Kalten Krieges für die USA bzw. die Sowjetunion waren. Damals wurden Stellvertreterkriege geführt und Bürgerkriege internationalisiert, während Washington und Moskau versuchten, ihre jeweiligen Blöcke zu vergrößern. Heute werden Konflikte in erster Linie über Netzwerke und über Knotenpunkte ausgetragen. Es geht darum, die eigene Netzwerkposition zu stärken, nicht aber darum, einen territorialen Block mit einer Vielzahl von Stellvertretern zu errichten. Aus diesem Grund, denke ich, sind China und die USA gezwungen, ihre Positionen etwas zu mäßigen. Es ist zu hoffen, dass sie davor zurückschrecken, in einen militärischen Konflikt einzutreten.
Das Interview für POLITIKUM führte Hans-Jürgen Bieling.